Erwachen am seelisch-geistigen am Anderen

Der Zauber des umgekehrten Kultus

Ein guter Vortrag über Gemeinschaftsbildung aus der Perspektive der Anthroposophie im Sinne Rudolf Steiners:

YouTube Vortrag von Dr. Michael Birnthaler (www.schloss-hohenfels.de/ansprechpartner):

Seine gesamte Vortragsreihe zur Gemeinschaftsbildung:
YouTube (gesamte Vortragsreihe)

Textauszüge aus dem Video (Transkript)

(mein Blick und Fokus auf diesen Videobeitrag, nicht vollständig, bei Interesse schaut euch bitte das ganze Video an)

Zweigarbeit und Gemeinschaft

(Min. 6:00)
Die Zweigarbeit, das heisst die Arbeit in den anthroposophischen lokalen Gruppen, sollte nach der Auffassung Rudolf Steiners in ganz bestimmter Weise gemeinschaftsfördernd ausgerichtet sein. Gegenüber Adelheid Petersen äusserte Rudolf Steiner:
„Hier liegen die Aufgaben ganz anders als bei den Arbeiten nach aussen. Hier ist die Gemeinschaft das Wesentliche. Nicht wahr: eine Gemeinschaft der verschiedenartigen Menschen, sogenannten Gebildeten und sogenannten Ungebildeten, aus allen Ständen und Berufen kommend. Ältere, Jüngere – sowohl den Jahren, als der Mitgliedschaft, als der Seelenart nach. Das will und soll eine lebendige, bewusste Gemeinschaft sein durch die anthroposophische Substanz, die an den Zweigabenden erarbeitet wird. Das ist ein Bewusstseinsprozess, der sich im Gang der Arbeit immer weiter entwickelt.“

„(…) Diskussionen gehören nicht in die Zweigabende. In Diskussionen wird die Substanz zerschwätzt“.
(Vortrag vom 27.2.1923)

(Min. 9:20)
Steiner ergänzte, dass weder die Erkenntnistheorie, noch die für die Öffentlichkeit geschriebenen Bücher in den Zweigabend gehören. Bei den Zweigabenden sollte eher intern vertieft werden. Es kommt weniger darauf an was gelesen wird, sondern auf die innere Gestimmheit, auf ein Eintauchen mit Leib und Seele. Diskussionen sind dabei eher schädlich und hinderlich. Stattdessen ist es entscheidend zu erhorchen, was in der Gruppe und im Einzelnen an echtem Interesse lebt. Wenn sich eine Gruppe in erhorchender, lauschender Weise spirituelle Inhalte erarbeite, dann werde wundersames geschehen können.

Die Methode des umgekehrten Kultus

(Min. 11:06)
Wie kann man sich diesen sog. „umgekehrten Kultus“ vorstellen? Hierzu eine kurze Erläuterung der vorhergehenden Kultusformen:

  1. Der Sakramentale Kultus
    Dieser geht seit Jahrtausenden den Weg von oben nach unten: Von der Offenbarung, der Opferung, der Wandlung bis hin zur Kommunion. Über einen geweihten Priester wird das Göttlich-Geistige von oben herunter geholt, bis es in das materielle eindringt und dieses vergeistigt.
  2. Der kosmische Kultus
    Die Wirkung von der väterlichen Schöpfung (31.12.1922)
  3. Der Umgekehrte Kultus
    Der Weg verläuft umgekehrt: Von der Kommunion, zur Wandlung, hin zur Opferung bis zur Offenbarung.
    (Delegiertentagung Feb. 1923)

(siehe Abb. Min. 12:58)

 

Um diesen Weg zu gehen, muss auf dem Weg in den Bereich des Seelischen, also von der Wandlung hin zu Opferung, von der eigenen seelischen Subjektivität etwas geopfert werden. Die subjektiven Meinungen des Einzelnen müssen zum Teil aufgegeben werden. Nur so kann ein objektiv Geistiges in dieses hineinwirken (eine Art sozialer Sakramentalismus).

In dem 2.ten Vortrag über den umgekehrten Kultus stellte Rudolf Steiner diese 2.te Stufe der Wandlung in den Mittelpunkt:
(Min. 15:11)
Und wenn mehrere Menschen sich … dann zusammenfinden und nicht mit der vollen Empfindung sich erheben zu der übersinnlichen Welt, wenn sich solche Menschen zusammenfinden, um einfach in der alltäglichen Seelenverfassung die Sprache der übersinnlichen Welt zu hören, dann ist ein unendlich grosse Möglichkeit gegeben, dass sie ins Streiten kommen …

Um das zu vermeiden, sieht Rudolf Steiner nur eine Möglichkeit:

Innerlichste durchseelte Toleranz

(Min. 15:54)
„Dagegen gibt es allerdings ein kräftiges Mittel, das aber auch erst in der Menschenseele entwickelt werden muss. Das ist das Mittel der innerlichsten durchseelten Toleranz. Aber das muss eben anerzogen werden.“ Heute ist ja die Sitte so eingerissen, dass man überhaupt kaum mehr gehört wird, sondern immer, wenn man das eine Viertel des Satzes gesprochen hat, der andere anfängt zu reden, weil ihn das eigentlich nicht interessiert, was man sagt, sondern es interessiert ihn nur seine eigene Meinung.(…) Das geht nicht mehr in der geistigen Welt. In der geistigen Welt muss unbedingteste Toleranz die Seele durchdringen. (…) Wenn er in der Lage ist, die entgegengesetzte Anschauen des anderen mit der derselben Toleranz aufzunehmen – bitte hören Sie das! – wie seine eigene, dann erst erwirbt er sich die notwendige soziale Seelenverfassung für das Erleben desjenigen, was in der Theorie aus höheren Welten heraus verkündet wird.“(…)
„Anthroposoph werden heisst eben nicht bloss, Anthroposophie als Theorie kennenlernen, sondern Anthroposoph sein erfordert in einem gewissen Sinne eine Seelenumartung. Dies aber wollen gewisse Menschen nicht. (…) Und wenn man so von höheren Welten träumt, dann kommt aus den Impulsen der höheren Welten heraus nicht die grösste Einigkeit unter den Menschen, das grösstmögliche Tolerieren als eine Erungenschaft, sondern statt der Einigkeit, die gerade das Geschenk des Studiums der höheren Welten sein kann, immer weiter wirkender Streit und Zank.“

Rudolf Steiner bezeichnete die Toleranz sogar als modernen Weg zu dem Christus:
(Min. 18:00)
In Fortsetzung des christlichen Bekenntnisses, „Was du den geringsten deiner Brüder getan hast, hast du mir getan“ formulierte er:
„Was du in einem der geringsten deiner Brüder mit innerer Toleranz verstehst, auch wenn es ein Irrtum ist, das hast du von mir verstanden.“

Die Toleranz ist wohl die entscheidende Eigenschaft, um die 2. Stufe des spirituellen Idealismus (Wandlung) erreichen zu können. Gleichzeitig ist sie aber die Voraussetzung, um die Kraft zu erklimmen, die 3. Stufe zu erreichen. Dann kann das Aufwachen am Anderen geschehen.

(Min. 18:47)
„Die Kraft zu diesem Erwachen, sie kann dadurch erzeugt werden, dass in einer Menschengemeinschaft spiritueller Idealismus geplanzt wird.
27. Februar 1923 (GA 257, S. 116)

Ist der spirituelle Idealismus geschaffen worden, kann dann das Aufwachen am Anderen geschehen.

(Min. 20:30)
„Nun, meine lieben Freunde, wir mögen noch so schöne Ideen aufnehmen aus der Anthroposophie, aus dieser Kunde von einer geistigen Welt. (…) wir verstehen dadurch noch nicht die geistige Welt. Wir gewinnen das erste Verständnis für die geistige Welt erst zu entwickeln, wenn wir am Seelisch-Geistigen des anderen Menschen erwachen. So wie der Mensch durch die äussere Natur erwacht, so gibt es noch ein höheres Erwachen. Es ist das seelisch-geistige Erwachen der einen Seele an der anderen.“

(Min. 21:15)
„Das ganze 20. Jahrhundert hindurch wird, trotz all seinem chaotischen, tumultuarischen Wesen, das die ganze Zivilisation durchsetzen wird, dieses als Bedürfnis aufzeigen: es wird sich einstellen das Bedürfnis, dass Menschen an dem andern Menschen in einem höheren Grade werden erwachen wollen, als man erwachen kann an der natürlichen Umgebung.“

(Min. 22:00)
Der Übergang von der 3. ten (Opferung) in die 4. Stufe (Offenbarung) erläuterte Rudolf Steiner so:
„Und wenn Sie erst die Möglichkeit gefunden haben, dass Menschenseelen an Menschenseelen und Menschengeister an Menschengeistern erwachen, dass Sie hingehen in die anthroposophischen Gemeinschaften mit dem lebendigen Bewusstsein: Da werden wir erst zu so wachen Menschen, dass wir da erst Anthroposophie verstehen miteinander, und wenn Sie dann auf Grundlage dieses Verständnisses in eine erwachte Seele – nicht in die für das höhere Dasein schlafende Seele des Alltags – die anthroposophischen Ideen aufnehmen, dann senkt sich über Ihre Arbeitsstätte herunter die gemeinsame reale Geistigkeit.“

„Und das müssen wir nicht nur zu innerster abstrakter Überzeugung bringen, sondern zu innerem Erleben, (…) sondern dass durch den ganzen Prozess des Aufnehmens anthroposophischer Ideen ein wirklich real-geistiges Wesen anwesend wird im Raume, (…) und unsere Rede, unser Empfinden, unsere Willensimpulse müssen wir einrichten können im spirituellen Sinne, das heisst nicht in irgendeinem abstrakten Sinne, sondern in dem Sinne, dass wir uns so fühlen, als schaute immer herunter auf uns und hörte uns an ein Wesen, das über uns schwebt, das real-geistig da ist.“

„Und das müssen wir nicht nur zu innerster abstrakter Überzeugung bringen, sondern zu innerem Erleben, so dass in einem Raume, wo wir Anthroposophie treiben, wir nicht nur da sitzen als so und so viele Menschen, die aufnehmen das Gehörte oder aufnehmen das Gelesene und es in Gedanken verwandeln, sondern dass durch den ganzen Prozess des Aufnehmens anthroposophischer Ideen ein wirklich real-geistiges Wesen anwesend wird im Raume, in dem wir Anthroposophie treiben.“

(Min. 27:09)
„Denn wenn eine Anzahl Bewusstseine sich in wohlwollendem Austausch zusammenfinden, dann können sie zusammen ersetzen, was dem einzelnen Bewusstsein erst durch Einweihung auf höherer Ebene möglich wird.“
(überliefert von Ernst Leers)

Neben dem Gesamtrahmen des dreigegliederten sozialen Organismus beschreibt Rudolf Steiner die Kraft, die eine Gemeinschaft durch den inneren Zusammenhalt einer Gemeinschaft erfahren kann:

Intime geheimnisvolle innere Organisationen der Zukunft

(Min. 27:48)
„Und neben den aus äusserer Rücksicht entstandenen Organisationen werden intime, geheimnisvolle Organisationen in der Zukunft entstehen können, die sich von Seele zu Seele bilden, wenn in den menschlichen Seelen leben wird das Ergebnis wahrhaftiger Geistesbildung.
(… Verweis auf Dreigliederung …).
Das sind drei äussere Organisationen! (Geistiges Gebiet, rechtlich-politisches Gebiet, wirtschaftliches Gebiet) Innerhalb desjenigen, was diese drei äusseren Organisationen den Menschen sein werden, werden jene intimen inneren Organisationen leben, die dadurch von Menschenseele zu Menschenseele geschmiedet werden, dass die Menschen sich genauer erkennen werden, als sie sich heute erkennen. (…) Und in die äussere Organisation wird eine innere Organisation kommen, die die Menschen trägt und das Menschenleben gestaltet. Ohne diese innere Organisation kommen wir auch nicht zu der fruchtbringenden äusseren Organisation.“
(GA 297)

 

weitere Zitate Rudolf Steiners zur Toleranz:
www.bewusstwie.org/gemeinschaftsbildung-und-toleranz